Kennen Sie das: Chef werden wollen ausgerechnet die Mitarbeiter, die nur wenig Führungspotenzial mitbringen! In diesen Fällen sind der direkte Vorgesetzte und die Personalabteilungen mit einer unangenehmen Aufgabe konfrontiert. Sie müssen einem High Potential den „Ich-werde-Chef-Zahn“ ziehen. Ohne Betäubung. Und bitte auch ohne Schmerzen! Wie Sie diese Aufgabe ganz elegant lösen können, zeige ich Ihnen in einem sehr erfolgreichen Praxisbeispiel.

 

Blöd, wenn es nur einen Weg nach oben gibt

Karrierewege, Fachlaufbahn, Führungslaufbahn

Young Professionals wollen für erfolgreichen Unternehmen arbeiten und dort attraktive Gehälter kassieren. Sagt die aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft Universum. Damit lassen sich die gestiegenen Freizeitbedürfnisse gut finanzieren. In der Masse der jungen Profis fallen die High Potentials regelrecht auf. Sie wollen mehr. Scharren mit der Hufe auf der Entwicklungsleiter und suchen nach einem passenden Weg an die Spitze. Endlich mehr Verantwortung, größere Aufgaben und noch höhere Gehälter. Blöd wird es jedoch, wenn der einzige Weg zu diesem Ziel darin besteht, Chef werden zu müssen. Nicht alle High Potentials sind mit der Gabe gesegnet Menschen führen zu können.
Unternehmen müssen daher mindestens einen alternativen Karrierewege (z.B. in der Fachlaufbahn) anbieten, um die „Empathie-Krüppel“ unter den High Potentials vor der Flucht in die Chefetage zu bewahren.

 

„Empathie-Krüppel“ wollen Chef werden

Schlechter Chef, Chef schreit, Führungskompetenzen, Konfliktfähigkeit, natürliche Autorität

Gelegentlich sind unter den „Chef-Flüchtlingen“ jedoch noch größere Härtefälle versteckt. Bei ihnen ist nicht nur das Einfühlungsvermögen eingeschränkt. Sie verfügen zu allem Unglück noch über eine extrem verzerrte Selbstwahrnehmung. Zusammen ergibt es eine tödliche Kombination. Der Betroffene glaubt ernsthaft Führungs- und Sozialkompetenz zu besitzen. Selbstverständlich ist die Rückmeldung aus dem Team eindeutig negativ. Jetzt  schlägt das mangelhafte Einfühlungsvermögen zu und interpretiert die ablehnende Haltung der Teamkollegen als Neid. „Die sind ja nur neidisch, weil ich so unglaublich gut bin!“
Voller Überzeugung Chef werden zu wollen (und können) bewerben sie sich. Was nun kommt, kennen Sie bestimmt. Assessment, zahlreiche Gespräche, Frustration und im schlimmsten Falle sogar die Kündigung eines echten Leistungsträgers.

 

Der Chef als Seifenblasenzerstörer

Verzweiflung, Falsche Erwartungen, Bewerbung, Chef werden

Wenn Mitarbeiter sich selbst in solch einem Maß falsch einschätzen, haben Vorgesetzte und Personalabteilungen viel zu tun. In meiner Zeit als Führungskraft habe ich zahlreiche „Zähne“ ziehen müssen. Eine Aufgabe, die selten Freude bereitet und gefühlt für Verlierer auf beiden Seiten sorgt. Ich habe mir irgendwann die Frage gestellt, warum sich High Potentials ganz munter selbst den Kopf verdrehen und ausgerechnet ICH dann meine Zeit zur geführten Selbstreflexion investierten musste. Selbstverständlich gehört Personalentwicklung zu den Aufgaben eines guten Chefs. Aber muss ich wirklich jeden krummen Gedanken als Sparringspartner korrigieren? Ich wollte lieber direkt die Führungskräfte haben, die durch ihre natürliche Führungskompetenz auffallen. Daher habe ich mir folgende Vorgehensweise einfallen lassen.

 

Chef werden auf Empfehlung

Chef werden, Führung lernen, Teams führen

Keine Sorge, ich predige jetzt nicht die Lieder der demokratischen Chef-Wahl. Ganz so weit ging mein Mut dann doch nicht. Allerdings habe ich in den Entwicklungsgesprächen eine kleine Neuigkeit eingeführt. Wer glaubt Chef werden zu können, muss in seiner bisherigen Aufgabe zumindest ansatzweise Führungskompetenzen bewiesen haben. Selbstverständlich war ich dann in der Pflicht auch die entsprechenden Aufgaben und Verantwortungen zu übertragen. Am Ende ging es mir aber nicht nur um das Ergebnis. Ich wollte von mindestens 1-2 Teamkollegen eine formlose „Empfehlung“ haben. Sie musste belegen, dass der Mitarbeiter auch in der Wahrnehmung der Teamkollegen über Führungskompetenzen verfügt.

 

Chancen und Grenzen des Vorgehens

Leider konnte ich in den damaligen Konzernstrukturen nur zwei (sehr positive) Erfahrungen mit diesem Vorgehen sammeln.
Nichtsdestotrotz habe ich diese Erfahrung in meine aktuelle Tätigkeit als Führungskräftetrainer mitgenommen. Ein mutiger Kunde hat diese Vorgehensweise bereits sehr dankbar angenommen. Das Ergebnis ist nach wenigen Monaten offensichtlich. Es bewerben sich natürlich nicht mehr so viele Mitarbeiter auf Projektleiter oder Teamleiterpositionen. Gleichzeitig beobachten die Führungskräfte, dass High Potentials im Team über ihre Zukunft diskutieren. Selbstverständlich läuft das nicht immer ganz harmonisch ab. Führungskräfte sind weiterhin gefordert, sich um die korrekte Einschätzung und Entwicklung der Mitarbeiter zu kümmern. Ein großer Teil der Arbeit wird dort jedoch durch die Selbstreflexion und das Team-Feedback unterstützt.

Wie ist Ihre Meinung zu diesem Vorgehen? Und wie gehen Sie mit High Potentials um, die sich selbst falsch einschätzen?
Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Meinungen.

 

Lüderitz -Einer von Euch- hat 4,71 von 5 Sterne | 154 Bewertungen auf ProvenExpert.com